Zusammenfassung des Vortrags von Thomas Sattelberger zum Thema: „Wirtschaft und Bildung im Zeichen der Digitalisierung – Liberale Antworten“

In seinem kenntnisreichen und engagierten Vortrag stellte Thomas Sattelberger der FDP in Coburg und ihren Gästen am 07.11.2016 die Probleme der Digitalisierung in Gegenwart und Zukunft für Deutschland dar. Sattelberger, der in mehreren großen DAX-Konzernen z. B. bei Daimler, Lufthansa, Telekom und Continental u. a. als Personalvorstand tätig war, ist heute der Sprecher des Nationalen MINT-Forums und berät verschiedene Ministerien in Berlin.

Er bewirbt sich in München um ein Direktmandat der FDP im Deutschen Bundestag und versucht, dem Trend entgegenzuwirken, dass „abgehalfterte“ Politiker anschließend in die Wirtschaft gehen. Er beabsichtigt vielmehr, sein breites Fachwissen und seine wirtschaftliche Erfahrung in die Politik einzubringen.

Seinen Vortrag gliederte er in drei Abschnitte:

  • Fachkräftemangel in Deutschland
  • Digitale Revolution
  • Bildung im Zeitalter der Digitalisierung

Dazu im Einzelnen:

1.

Im MINT-Bereich (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft, Technik) fehlen seiner Meinung nach Millionen Informatiker. Durch den Fachkräftemangel sieht er umfangreiche Wettbewerbsnachteile auf die deutsche Wirtschaft zukommen. In Coburg prognostiziert er, dass in zehn Jahren ca. 17% Fachkräfte fehlen. Er sieht daher die Zukunft der Wirtschaft in Deutschland gefährdet.Um diesen Wettbewerbsnachteil auszugleichen, schlägt er drei Maßnahmen vor:

a) Die Quote der Studienabbrüche in den Universitäten muss vermindert werden.Diese liegt nach seinen Berechnungen bei 30-40 %. Durch bessere Berufsberatung muss gewährleistet sein, dass dieses letztlich sehr notwendige geistige Kapital nicht verloren geht. Angesichts des großen Bedarfs an Spezialisten im IT-Bereich hält er die Kritik für verfehlt, die einen Akademikerwahn beklagt.

b) Auch ein festgeschriebenes Rentenalter von 63 Jahren möchte er gegen ein Rentenalter austauschen, das individuell auf die Fähigkeiten und natürlich den Gesundheitszustand der Persönlichkeit abgestellt ist. 25.000-30.000 Meister und Facharbeiter gehen regelmäßig in Rente, obwohl sie ihr Fachwissen auch weiterhin noch in die Wirtschaft einbringen könnten. Durch eine flexible Rentenregelung könnten diese Ressourcen noch verwertet werden.

c) Eine qualifizierte Einwanderung von Fachkräften, geregelt nach den Bedürfnissen Deutschlands vergleichbar mit Kanada, wäre geeignet, um den Fachkräftebedarf auch in Zukunft zu decken. Die Neuregelungen haben hier jedoch nur zu 8-10.000 Einwanderern jährlich geführt, weil sehr oft der bürokratische Aufwand für diese Menschen zu hoch ist. Dringend notwendig sei daher ein Einwanderungsgesetz. Allerdings wies er ausdrücklich darauf hin, dass dieses Thema exakt abzugrenzen sei vom Thema der Flüchtlinge, die aus Kriegsgebieten nach Deutschland kommen. Bei diesen handelt es sich nach den Feststellungen zu 70 % um Analphabeten, die für eine künftige Eingliederung in Deutschland immensen Aufwand erfordern. Hieraus ergibt sich ein sinnvolles System:

Spezialisierte Fachkräfte, die wir dringend benötigen, müssen mit einer Begrüßungskultur ohne bürokratische Hindernisse ein Bleiberecht mit dem Einwanderungsgesetz erhalten.

Flüchtlinge aus Kriegsgebieten müssen während der Zeit der Kriegsgefahr in ihren Heimatländern Schutz und gegebenenfalls Asyl erhalten. Wird jedoch die Lage in ihren Heimatländern verbessert, sollte vorzugsweise eine Rückkehr in diese Länder geregelt werden, schon um den Wiederaufbau in den eigenen Heimatländern leisten zu können.

Soweit jedoch der Verbleib in Deutschland nur gefordert wird, weil in den Heimatländern Arbeitslosigkeit und Armut herrschen, kann es nicht die Aufgabe der deutschen Gesellschaft sein, diese Menschen hier aufzunehmen. Allerdings sollte jede Anstrengung unternommen werden, diese Fluchtursachen durch eine sinnvolle Politik zu beseitigen.

Nur nebenbei verwies Herr Sattelberger darauf, dass auch ein erhebliches Potenzial an qualifizierten Arbeitnehmern im gewerblich-technischen Bereich nicht genutzt wird, weil bis heute Frauen, die die gleichen Berufe ausüben wie die Männer, immer noch schlechter bezahlt werden. Auch hier müssen im gesellschaftlichen Bereich Lösung gefunden werden, die es auch einer Frau ermöglichen, Beruf und Privatleben besser miteinander zu verbinden. Dass dabei auch die Männer sich gegebenenfalls am Haushalt beteiligen, wird einen Wandel im Selbstverständnis erfordern, der sich derzeit allerdings nur langsam zeigt.

2.

Beim Thema der „Digitalen Revolution“ kritisierte er, dass das Programm „Industrie 4.0“ zu eng auf den Produktionssektor ausgerichtet sei, weil davon letztlich die gesamte Gesellschaft, also auch Banken, Versicherungen und sonstige Dienstleistungsbereiche berührt werden. Beispielhaft verwies er auf die Telemedizin oder die Fortbildung durch Online Medien.

Kritisch beurteilte er die in den letzten Jahren aufgetretenen Krisen im Bankenbereich, der Lufthansa und in der Autoindustrie, die den Wirtschaftsstandort Deutschland gefährdeten.

„Wir leben von den Investitionen großer Gründungspersönlichkeiten der Vergangenheit und vernachlässigen die Entwicklung für die Zukunft“.

Wir leben heute noch von den Investitionen der Vergangenheit und verbrauchen diese allmählich, ohne an ständige Neuinvestitionen für die Zukunft zu denken. Es fehlt an Wagemut und Unternehmergeist. Neugründungen von Unternehmen müssten durch Steuervergünstigungen zum Beispiel während der ersten fünf Jahre und die Erleichterung von Investitionen gefördert werden. Ein Problem sieht er in der „Autolastigkeit“ der deutschen Industrie. Wenn das Thema Elektrifizierung oder autonomes Fahren nicht hinreichend beachtet werden, kann die Autoindustrie in zukünftigen Jahren zu einer Werkbank der IT-Menschen in den USA werden.

Es sei deswegen auch leichtfertig gewesen, die Firma KUKA mit ihrer hochmodernen Industrietechnik den Chinesen zu überlassen.

3.

Zur Bildung im digitalen Zeitalter forderte er, dass in den Schulen neben Rechnen, Lesen und Schreiben auch digitale Kompetenz vermittelt werden muss. Dies ist in anderen Ländern schon weit fortgeschritten. Dass möglicherweise jeder Schüler seinen eigenen Laptop benötigt, mag die Konsequenz daraus sein.

Aber auch die Lehrer selbst müssten im Digitalbereich Fortbildung erfahren.

Auch die Abgrenzung der Wissenschaften untereinander bedarf einer „Hybridisierung“, sodass über die Wissenschaftsgrenzen hinaus eine Zusammenarbeit erfolgt. Duales Studium und Verschmelzung von Akademikern mit beruflichen Fachkräften sind Voraussetzungen einer zukünftigen Bildung. Zudem muss die Arbeitskultur in Deutschland verbessert werden. Wenn Tausende von in Deutschland ausgebildeten Akademikern und Pflegekräften nach der Schweiz, in die nordischen Länder und die USA abwandern, liegt dies weniger an einer unzureichenden Bezahlung, als vielmehr an einem teilweise antiquierten Arbeits-System.

Auch eine Flexibilisierung der Arbeitszeit ist dringend erforderlich, weil viele Berufe und Tätigkeiten ausgeübt werden können, ohne dass der Mitarbeiter fest seinen Platz in dem jeweiligen Betrieb hat. Wenn dies dem Mitarbeiter Befriedigung schafft, kann er auch außerhalb der Firma zum Beispiel zu Hause seine Arbeit erledigen, ohne dass ihm vorgeschrieben werden kann, wann und wie lange er arbeitet. Allerdings sieht Sattelberger hier ein großes Problem, weil diese Freiheit der Arbeit letztlich den Bestrebungen der Gewerkschaften entgegensteht, ihre Arbeitnehmer vor Überlastung und „Selbstausbeutung“ schützen.

Auch die Automatisierung wird die Arbeit erheblich ändern. Es wird grundsätzlich definiert werden müssen, was als „Arbeit“ bezeichnet werden kann. Die Angst davor aber, dass Roboter eine Vielzahl von Arbeitstätigkeiten übernehmen können, sodass die Arbeitslosigkeit verstärkt würde, hält Sattelberger für unbegründet. Allerdings wird sich die hergebrachte Arbeit ändern müssen, so wie auch bei der ersten bis dritten industriellen Revolution Arbeitsplätze weggefallen, dafür aber andere geschaffen worden sind.

In diesem Zusammenhang stellte er auch die Probleme der Pflegeberufe dar, die für die immer älter werdende Bevölkerung immer wichtiger werden. Traditionell ist Deutschland ein Produktionsland gewesen, in dem das Produkt Arbeit regelmäßig doppelt so hoch bezahlt wurde, wie Pflegedienstleistungen. Diese Equal Pay-Lücke hat historische Gründe. Abhelfen kann nur ein grundlegender kultureller Wandel, der zu einer erheblich besseren Bewertung der persönlichen Beziehungsarbeit führt. Die Wertschätzung dieser Arbeit muss der Bewertung industrieller Produktion zumindest gleichgestellt werden. Dazu gehört auch, dass die Pflegeberufe-wie in anderen Ländern-wegen einer höheren Wertschätzung auch von Männern ergriffen werden, die heute an dieser „unterbewerteten“ Tätigkeit kein Interesse haben.

Um das Ziel einer verbesserten Bildung zu erreichen, ist er auch bereit, Einschränkungen bei seiner Grundeinstellung zur bürgerlichen Freiheit zu machen: auch wenn das Bildungssystem in Deutschland föderal organisiert bleiben soll, muss seiner Meinung nach ein einheitlicher bundesweiter Standard für das Abitur vorgegeben werden. Nur so kann es seiner Meinung nach gelingen, einer unterschiedlichen Qualifikation in einzelnen Bundesländern entgegen zu wirken, die dadurch entsteht, dass diese die Anforderungen an die Schüler bei Beendigung ihrer Schulzeit erheblich niedriger ansetzen, als andere Bundesländer.

Zum Abschluss des Themas „Bildung“ setzte er sein Credo, dass die Regulierung der Tod jeglicher Innovation ist.

 

Diese hervorragend dargestellten und mit größter Konzentration behandelten Themen führten zu einer ausführlichen und fachlich hochwertigen Diskussion mit den anwesenden Zuhörern. Ein Diskussionsteilnehmer wies auf die Gefahren der vermehrten Digitalisierung hin, die auch zu einer weiteren Vermehrung der Cyber- Angriffe führen werde. Dem stimmte Herr Sattelberger zu, jedoch sieht er selbst in einer modernen Demokratie nur eine Lösung: Eine wehrhafte Demokratie muss auch bereit sein, ihre Werte gegen Angriffe jeder Art zu verteidigen, sodass wir uns gegebenenfalls auch auf einen Cyberkrieg einrichten und dagegen Vorkehrungen treffen müssen.

 

 


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